RPG statt RTS

Warcraft 3 - Reforged: Forsaken Kingdom

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24. September 2026 - 13:30 — vor 4 Stunden zuletzt aktualisiert

Teaser

Warcraft 3 war lange der Genreprimus der Echtzeitstrategie. Die neue Kampagne Forsaken Kingdom hat damit aber wenig am Hut. Macht sie trotzdem Spaß?
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Mit Warcraft 3 eroberte Blizzard im Jahr 2002 den Thron des damals florierenden Genres der Echtzeitstrategie und legte ein Jahr später mit dem Addon Frozen Throne noch einmal ebenso stark nach. Mehr als 20 Jahre und ein bei der Community weniger geliebtes Remaster namens Warcraft 3 - Reforged später bietet Blizzard nun überraschend eine neue Kampagne für eben jene Neuauflage an.

Warcraft 3 - Reforged: Forsaken Kingdom ist separat für 30 Euro oder Complete Edition im Bundle mit dem Hauptspiel zu haben und soll erzählerisch die Lücke zwischen Frozen Throne und World of Warcraft füllen. Die Erzählung der Kampagne beginnt mit einem Prolog, der die Rückkehr des korrumpierten Prinz Arthas in seine arglose Heimat Lordaeron zeigt. Etwas später geht es um die mittlerweile unabhängige Banshee-Königin Slyvanas Windrunner und die Gründung von Undercity, der Hauptstadt der Untoten-Fraktion der Forsaken.

Freunde der Warcraft-Lore reiben sich die Hände, alle anderen verstehen nur Bahnhof. Warum Forsaken Kingdom auch spielerisch nur einen begrenzten Kreis an Fans glücklich machen dürfte, verrät euch dieser Test.

Der Screenshot mag an Echtzeitstrategie wie anno dazumal denken lassen, aber so viele Einheiten wie hier steuert ihr nur selten.

Warcraft 3, das Rollenspiel?
Wer angesichts des legendären RTS-Hauptspiels neues Futter für Echtzeitstrategen erhofft, ist hier falsch. Schon seit Beginn der Serie lockerte Blizzard die Kampagnen durch Missionen auf, in denen ihr einzelne Helden über spezielle Karten schickt, allenfalls begleitet von wenigen Kämpfern und unter Verzicht auf den üblichen Aufbau von Basis und Armee. Diese Seite von Warcraft gipfelte bei Frozen Throne in der Bonuskampagne Founding of Durotar, die ausschließlich auf dieses System setzte und die sich dadurch wie ein leichtgewichtiges RPG spielte.

Genau diesen Ansatz übernimmt Forsaken Kingdom. Ihr steuert zumeist zwei Helden (gelegentlich begleitet von einer Handvoll der aus dem Grundspiel bekannten Truppen) in Echtzeit über große Karten, die ihr nach und nach aufdeckt. Eure Kämpfer steuert ihr exakt so, wie ihr es aus Warcraft 3 kennt, inklusive dem Ziehen von Boxen zum Auswählen mehrerer Einheiten und dem Gruppieren per Zahlentasten. Am wichtigsten sind natürlich eure Helden, allen voran Garek Bandarion und seine Begleiterin Anya, die ihr im Verlauf der Kampagne mit Level-ups ermächtigt und mit neuen Fähigkeiten ausstattet.

Die Skills sind wie damals in der Befehls- und Baumatrix rechts auf dem Bildschirm untergebracht und können in mehreren Stufen gesteigert werden. Durch die Beschränkung auf drei fest vorgegebene aktive und eine passive Fähigkeit pro Charakter hält sich die Komplexität allerdings in Grenzen. Ergänzt werden diese Talente dafür durch den – etwas unintuitiv im neuen Inventar untergebrachten – Talentbaum. Darüber verbessert ihr die Wirkung der Fähigkeiten dauerhaft, beispielsweise durch einen Bluten-Effekt beim Spaltangriff oder durch Magiebannung beim Ansturm.

Das neue Inventarmenü samt Talentbaum erreicht ihr über den Klick auf den Rucksack im alten Inventar unten rechts. Die bis zu vier fest vergebenen Skills der Helden steigert ihr aber wie gehabt im Befehlskasten rechts daneben.


Das RTS-Korsett ist arg eng geschnallt
Die eine Neuheit bei der Benutzeroberfläche von Forsaken Kingdom musste in den bestehenden Menüs untergebracht werden. Das führt zu folgender Konstruktion: Das neue erweiterte Inventar öffnet sich über ein Rucksack-Symbol im althergebrachten Inventar, in dem weiterhin die Tränke verstaut werden. In den Rucksack wandern Waffen, Ringe und Rüstungsteile, um eure Helden rollenspieltypisch auszustatten und so zahlreiche Werte von Stärke und Lebenspunkten bis hin zur enorm wichtigen Trefferpunkteregeneration zu steigern. Den Modellen ist die Ausrüstung jedoch nicht anzusehen

Nur ist dieses Inventar für RPG-Verhältnisse ziemlich unpraktisch – mehr als einmal habe ich versehentlich einen Trank verbraucht anstatt ihn zu verschieben, weil Gegenstände per ungewohntem Rechtsklick bewegt werden. Auch gibt es kein gemeinsames Inventarfenster, sodass ihr jeden Trank und jedes Rüstungsteil von Hand zum nächsten Helden schieben müsst, wobei sich das Inventar beim Wechsel des Charakters erst einmal schließt. Mit dieser einen Ausnahme ist die Oberfläche ansonsten aber unverändert geblieben.

Unangetastet bleibt auch das Echtzeitkampfsystem. Per Rechtsklick auf einen Gegner befehlt ihr den Angriff und per Rechtsklick auf eine freie Fläche setzt sich euer Trupp in Bewegung. In normalen Kämpfen funktioniert das recht passabel, zumal der Computergegner keine besonderen Tricks beherrscht. Schwieriger wird es in den zahlreichen Bosskämpfen, denn die schweren Brocken haben nicht nur deutlich mehr Leben, sondern sie rufen oft auch Scharen von normalen Gegnern zur Hilfe und wirken obendrein noch Flächenangriffe, deren Ziel kurz vorher rot auf dem Boden markiert wird. Das mag mit zwei Helden und einem Boss noch machbar sein. Aber beim Versuch, auch noch meine Begleittruppen am Leben zu erhalten, bin ich gnadenlos gescheitert. Denn wenn ein Boss beispielsweise eine runde Fläche angreift, müssten die Soldaten eigentlich alle in eine andere Richtung flüchten; in Echtzeit und ohne Pausefunktion war das bei dem Gewusel auf dem Bildschirm für mich nicht umsetzbar.

Relativ schnell habe ich meine Begleiter also ihrem Schicksal überlassen und mich auf meine zwei Helden konzentriert, die dann umso mehr selbst erledigen und einstecken mussten, aber immerhin nicht im Durcheinander an Flächenangriffen gestorben sind.

Die Bosskämpfe sind arg chaotisch und alle Truppen aus den Angriffsbereichen zu retten, wirkt wie ein Ding der Unmöglichkeit.


Ein Königreich für etwas Truppennachschub
Die Kämpfe fallen ziemlich langatmig aus – umso mehr, wenn man beim letzten Bosskampf seine oft nicht nachkaufbaren Truppen verloren hat und die Helden sich dann alleine durchschlagen müssen. Eingesteckten Schaden regenerieren die Recken zwar mit der Zeit, da es gerade in der Prolog-Kampagne jedoch keine Schreine zum beschleunigten Heilen gibt, bedeutet das schonmal fünf reale Minuten Stillstand zum Hochheilen vor dem nächsten Kampf.

Nicht besser wird dieser Spielabschnitt dadurch, dass der Tod eines Helden zum Abbruch der Mission führt. Durch Speichermöglichkeiten und gelegentliche Autosaves wird das zum Glück entschärft. Im Hauptteil der Kampagne stehen immerhin Schreine in der Landschaft, bei denen eure Helden nach dem Tod wiederbelebt werden. Ddie Fußwege durch noch größere Gebiete werden allerdings immer länger.

Die Quests, auf die ihr geschickt werdet, sind teilweise recht kreativ für die eingeschränkten technischen Mittel, wie die Flucht vor einem übermächtigen Gegner unter Zeitdruck. Zu oft sind es aber auch Sammelquests à la World of Warcraft (nichts gegen WoW!), bei denen ihr wahlweise einen Haufen Materialien von Bären, Spinnen und Murlocs oder Zahnräder von diebischen Zombies beschaffen sollt.

Für etwas Abwechslung sorgen hier und da nette Ideen,  beispielsweise das Einsammeln von Kisten mit einem unbewaffneten Schiff, das permanent den Kanonenkugeln der feindlichen Flotte ausweichen muss. Zwischenzeitlich spielt sich ein Abschnitt auch einmal wie League of Legends, wenn ihr vier Türme einnehmen sollt und feindliche Helden dasselbe Ziel verfolgen. Solche Abschnitte bleiben aber die Ausnahme und den Basenbau aus dem Grundspiel bekommt ihr gar nicht zu sehen.

Murlocs dürfen in keinem Warcraft-Titel fehlen.


Singleplayer, always on
Viel zu entdecken gibt es für Kenner der Lore – egal, ob sie von Warcraft 3 oder WoW kommen. So lauft ihr nicht nur durch die kreisrunden Gänge von Undercity, sondern besucht auch Stratholme, trefft auf den scharlachroten Kreuzzug und dürft Gastauftritte vieler bekannter Charaktere erleben, die voll auf Englisch vertont in zahlreichen Ingame-Zwischensequenzen dargestellt sind.

Die Grafik wurde im Rahmen des gleichzeitig erschienenen Patches für alle Besitzer des Grundspiels noch ein weiteres Mal überarbeitet und sieht deutlich weicher und für meinen Geschmack besser aus als der umstrittene Grafikstil aus der Reforged-Version. Ein Menü erlaubt das Umschalten zwischen allen drei Versionen – die neue Kampagne ist aber nur im neuesten Grafikmodus verfügbar. Negativ ist mir aufgefallen, dass bei jedem Start des Spiels erst einmal der Login-Server kontaktiert werden muss, auch wenn ihr einzig die Einzelspielerkampagnen von Reforged spielen wollt.

Autor: Lars Stintzing, Redaktion: Hagen Gehritz (GamersGlobal)

 

Meinung: Lars Stintzing

Warcraft 3 war bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2002 wohl unbestritten ein, wenn nicht sogar der Referenztitel der Echtzeitstrategie. Ebenso eindeutig kein Referenztitel war Warcraft 3 unter den Rollenspielen, denen damals durch Baldur’s Gate und dessen Nachfolger neues Leben eingehaucht wurde. Zwar setzen beide Serien auf eine Draufsicht und Echtzeitkämpfe, aber da enden die Gemeinsamkeiten schon fast. Warum dann dieser Vergleich?

Nun, weil Warcraft 3 - Reforged: Forsaken Kingdom kein Echtzeitstrategiespiel mehr sein will, sondern ein Rollenspiel. Fast ausschließlich lauft ihr nur mit euren Helden über riesige Karten, levelt sie auf und verbessert deren Ausrüstung, erfüllt sehr simple Quests und bekämpft Bosse. Basen- und Armeeaufbau kommen dagegen gar nicht vor.

Das Setting rund um die Gründung von Undercity ist dabei sogar ziemlich   interessant, gerade für Hordenspieler, die in World of Warcraft viele Stunden dort verbracht haben. Handlung und Erzählweise entsprechen dem aus der Serie gewohnten Stil, doch grafisch ist das bei aller sichtbaren Mühe (inklusive noch einmal überarbeiteter Grafik) nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

Das größte Problem ist aber, dass hier ein Rollenspiel in ein RTS-System gepresst wird. Das gab es zwar schon seit Beginn der Serie, zuletzt in Form der Kampagne Founding of Durotar im Addon Frozen Throne. Diese war aber 2003 nur ein Bonus und mag als solcher auch funktioniert haben. In Forsaken Kingdom ist dieses Mini-RPG aber alles, was ihr für den Eintrittspreis bekommt – mit allen Schwächen, die diese Missionen schon immer hatten. Vom UI angefangen, bei dem die simplen Skilltrees in die Befehls- und Baumatrix integriert sind, über gerade zu Beginn häufige Wartezeiten zur Regeneration der Lebenspunkte eurer Helden bis hin zu Bosskämpfen, die besonders mit Begleittruppen schnell in völliges Chaos ausarten; überall ist spürbar, dass das fast 25 Jahre alte RTS-Korsett zu eng ist für ein zeitgemäßes Rollenspiel.

Euch hat Founding of Durotar damals super gefallen? Ihr wollt vor dem Start von World of Warcraft - Forever erneut in diese Welt eintauchen und eure Lore-Kenntnis erweitern? Reicht euch eine neue Geschichte, um wieder in Warcraft-Nostalgie zu schwelgen? Dann könnte Forsaken Kingdom euch etwas bieten.

Wenn euch dagegen ausgefeilte Spielmechaniken wichtig sind oder ihr gar Echtzeitstrategie-Fan seid, könnt ihr diese Erweiterung
beenkenlos auslassen, denn ohne die Warcraft-Welt bleibt von Forsaken Kingdom nur ein aus der Zeit gefallenes RPG-Light.

 
WC 3 - Reforged: Forsaken Kingdom PCMacOS
5.5
Userwertung0.0
Pro
  • Story bietet vertonte Cutscenes und viel Interessantes für Lore-Freunde
  • Hin und wieder brechen nette Ideen die Fetch-Quests auf
Contra
  • Seichtes RPG-Light im Korsett eines Echtzeitstrategiespiels
  • Fummelige Steuerung, gerade in Bosskämpfen
  • Zu viel Downtime und zu lange Wege
  • Gar kein neues Futter für RTS-Fans
Hagen Gehritz Redakteur - S - 286168 - 24. September 2026 - 13:30 #

Danke an Lars! Was sagt ihr so zu dieser ganz anders ausgerichteten Erweiterung?

Green Yoshi 23 Langzeituser - S - 41069 - 24. September 2026 - 13:38 #

Traurig, was aus Blizzard geworden ist. WarCraft III: Frozen Throne hat damals als erstes Spiel eine Wertung von 94% in der Gamestar erhalten.

Funatic 21 AAA-Gamer - - 30970 - 24. September 2026 - 14:04 #

Nicht nur, dass sie Kampagne wohl sehr mager ist: Aktuell spiele ich Warcraft 3 Reforged als Einstimmung für WoW Forever und nach dem Patch für die Kampagne hat es mir ALLE Savegames zerstört. Super Service Blizzard!

Toxoplasmaa 23 Langzeituser - - 38043 - 24. September 2026 - 15:02 #

Das ist echt übel. Zuletzt fand ich Reforged ganz fein, da man sich ja doch alles soweit so einstellen konnte, damit man das klassische Aussehen bekam.

Aber Forsaken Kingdom macht mich jetzt gar nicht an.

Maestro84 20 Gold-Gamer - S - 20060 - 24. September 2026 - 14:26 #

Ich teile diese Einschätzung nicht. Ja, diese Kampagne ist eher eine RPG-Kampagne, da wird ein reiner Echtzeitstratege vielleicht weniger glücklich, aber ich würde sonst locker auf eine 7.5 gehen.

LRod 20 Gold-Gamer - - 21815 - 24. September 2026 - 16:43 #

Völlig legitim, das ist ja eine subjektive Wertung und keine objektive Wahrheit ;) (wobei ich in den letzten Jahren weitaus mehr RPGs gespielt habe als RTS).

Was sind denn aus deiner Sicht die Stärken des Spiels, abgesehen von dem Setting?

Sokar 27 Spiele-Experte - - 94830 - 24. September 2026 - 18:05 #

Das deckt sich größtenteils mit dem, was ich schon gehört habe. Gut, sofern man den RPG Teil mag. Ich möchte die Kampagne von rexxar, auch wenn sie zum Ende hin deutlich abfällt. Aber nur das für 30€? Das muss ich mir überlegen. Geht aktuell sowieso nicht, da kann ich die Entscheidung nicht etwas schieben. In jedem Fall danke für den ausführlichen Test.

Timberwolf Freier Redakteur - - 46967 - 24. September 2026 - 18:56 #

Wow...schon mutig erst ein neues Addon für einen der größten RTS-Klassiker zu droppen und damit die Fan-Herzen kurz zum Schlagen zu bringen, aber dann gar kein RTS zu liefern. Ich hatte mich auch erst über die Rückkehr in das Spiel gefreut, aber für den Preis lass ich lieber die Finger davon. Danke für den Test Lars!

LRod 20 Gold-Gamer - - 21815 - 24. September 2026 - 20:05 #

Ja, hat mich auch überrascht. Wobei ich betonen möchte, dass das jetzt keinen Einfluss auf die Note hatte. Ich spiele ja gerne RPGs, aber was als Intermezzo in einer RTS-Kampagne gut funktioniert, hat mich als eigenständiges Produkt auf voller Länge leider nicht begeistert.